Berufsbildende Schule Bingen



Unsere Schüler füllen die Schatzkiste der Demokratie



Demokratie als Livestream:  Unter www.enquete-rlp.de verfolgen Interessierte schon heute die Debatte der Enquete- Kommission „Aktive Bürgerbeteiligung für eine starke Demokratie“. Monatlich findet eine Anhörung statt, um dem Landtag bis zum Herbst 2013 Empfehlungen im Zeitalter des demographischen und digitalen Wandels vorzulegen. Und dazwischen?

Demokratie live: MdL Pia Schellhammer diskutiert als  Enquete- Vorsitzende mit Schülerinnen und Schülern der Dualen Berufsoberschule in Bingen. Punktgenau endete zuvor  im Mainzer Landtag die Krisensitzung zum Nürburgring. Nach 33 km auf der Autobahn erreicht die zweitjüngste Abgeordnete des Landtages der Partei Bündnis 90/ DIE GRÜNEN den Klassenraum der Binger Abendschule. Draußen ist es mittlerweile stockdunkel.

Im Rahmen des Unterrichtthemas „Theorie und Praxis der repräsentativen Demokratie“ hatte die Sozialkundelehrerin Elisabeth Henn vorgeschlagen, Landtagsabgeordnete einzuladen. Hellhörig forderte die Klasse das Angebot ein.  Pia Schellhammer trug sich den Termin daraufhin gleich in ihren online abrufbaren Kalender unter  www.pia-schellhammer.de/termine ein: Montag, 13. Februar 2012 von 18:00 Uhr-19:30 Uhr.   

Nach einem anstrengenden Arbeitstag bereiten sich die Berufstätigen im Alter zwischen 20 und 23 im Abendunterricht auf das Fachabitur vor. Industriemechaniker, Mechatroniker, Technische Zeichnerinnen, Verwaltungsfachangestellte, Fachkräfte für Lagerlogistik, Kaufleute für Bürokommunikation sowie Industriekaufleute büffeln 600 Stunden gemeinsam Deutsch, Englisch, Mathematik, Physik und Sozialkunde. Das Lifelong- learning fängt früh an.  

Pia Schellhammer hört konzentriert zu. Heute Abend sind es keine Wissenschaftler und Politikprofis, die in der Enquete- Kommission ansonsten zu Wort kommen, sondern Experten ihrer Arbeits- und Lebenswelt. In Kleingruppen wird die Herausforderung der Enquete diskutiert: Was macht für uns die Demokratie stark? Die Antworten sind prägnant und direkt, gehalten im Twitterformat. Mit ihren Erfahrungen, Kritikpunkten und Verbesserungsvorschlägen füllen die Schülerinnen und Schüler die symbolisch bereitgestellte „Schatzkiste der Demokratie“. Frau Schellhammer lacht herzlich und freut sich. Sie findet sich wieder in einer U30- Gruppe, die das Thema Demokratie und Bürgerbeteiligung ernst nimmt. 

Demokratie in guter Verfassung?

Macht die Einwohnersprechstunde bekannter, das direkte Gespräch mit der Bürgermeisterin wird zuwenig gesucht, sagt Serina, Mitarbeiterin der Stadtverwaltung Bingen. Sabrina ist geprägt durch die Abstimmungsprozesse im Sportverein, der ihr Lernfeld für demokratisches Handeln darstellt. Genauso erlebt Max die Arbeit der Schülervertretung.
Der Jugend- und Auszubildendenvertreter Sebastian hofft, dass durch eine Änderung des Bildungsfreistellungsgesetzes mehr junge Menschen an den Angeboten der politischen Bildung partizipieren. Wenn Auszubildende in Rheinland- Pfalz an 5 Tagen Anspruch auf Bildungsfreistellung hätten, könnten sie häufiger an spannenden Seminaren der politischen Bildung teilnehmen, die in der Regel 5 Tage umfassen. Jaqueline pflichtet bei und bewertet den Einsatz der JAV- Vertretung bei Boehringer Ingelheim „super engagiert“. Erst im Wahlkampf werden für Guiliano die Unterschiede der Parteien deutlich. Frau Schellhammer zeigt sich freudig überrascht über das Verständnis. Im politischen Tagesgeschäft fehle oft ausreichend Zeit, das besondere Profil einer Partei darzustellen.
 
In der Aussprache werden –mit dem Verweis auf das Bahnhofsprojekt S21- von den Schülern sehr grundsätzliche und kritische Fragen gestellt: Müssen Bürger nicht sehr viel früher in die Entscheidungen bei Großprojekten einbezogen werden? Warum mangelt es oftmals an Transparenz und Einsicht in die Planungsprozesse? Werden diese erst gewährt, wenn die Bürger rebellieren? Hätte ein frühzeitiges Bürgerbegehren den Konflikt um die Mittelrheinbrücke entschärfen bzw. das finanzielle Desaster am Nürburgringprojekt verhindern können? 

Werte einer starken Demokratie

Bezogen auf Werte fordert Bildan Toleranz gegenüber Minderheiten. Teresa verlangt Ehrlichkeit, worauf in der Lerngruppe Gemurmel über den Bundespräsidenten einsetzt. Transparenz hat für Thomas einen hohen Stellenwert.  Zugleich kritisiert er das Verhalten der Medien. Während gegenwärtig der Euro und die Europäische Union zu scheitern drohen, beschäftigten wir uns –angeheizt durch die Presse-  mit den Leasingverträgen Wulfs. 

Zukunftsfähige Demokratie

Als Frau Schellhammer leise die Überlegung einwirft, Klassenräte und Schülerparlamente verbindlich einzurichten, regen  sich weder Zustimmung noch Widerspruch. Auch andere neue Ansätze der kooperativen Demokratie, z. B. Jugendparlamente und Mediationsverfahren bleiben  in der Diskussion an diesem Abend ausgespart. Fehlt es hier an unmittelbaren Erfahrungen?

Vehement werden hingegen die Erwartungen an e- democracy formuliert. Unstrittig scheint die Ablehnung des ACTA- Gesetzes. Einige äußern offen ihr Verständnis für die Demonstrationen des vorangegangenen Wochenendes. Für die „Netzis“ verbinden sich mit open- data, online- Wahlen und  Bürgerhaushalten neue Beteiligungsmöglichkeiten.  Gleichwohl sehen die Jungen den schmalen Grat zwischen Datenschutz und Transparenz.

Kontrovers diskutiert wird die Initiative, das Wahlalter zu senken. Zunächst herrschen Ablehnung und Skepsis vor: Sind 16- Jährige genügend informiert und reif genug?  Wie lassen sich  unbedarftes Jux- und  extremistisches Wahlverhalten verhindern?
Andererseits:  Max hält die Altersgrenze 18 für willkürlich, manch 25-Jähriger blicke in der Politik nicht durch. Lukas ergänzt, letztendlich gehe nur wählen, wer sich für Politik interessiere und dem sei auch das Stimmrecht einzuräumen. Wer wählt, kann die Interessen der jungen Menschen zum Ausdruck bringen und ein Umdenken der Politiker bewirken.
Von dem hohen Respekt, die junge Menschen gegenüber dem Wahlrecht zollen, ist Frau Schellhammer sichtlich angetan. Bei manch älteren Bürgerinnen und Bürgern sei dies nicht unbedingt so ausgeprägt. Johannas Fazit: Die Altersfrage ist nachrangig, solange nicht Kinder und Jugendliche an Politik z. B. über den Sozialkundeunterricht herangeführt werden. Macht die Politik erfahrbar und glaubwürdig für uns Junge an Themen, die uns direkt betreffen, wie z. B. Ausbildungsplätze und Studiengebühren.

Damit die Abgeordnete sich für die Erwartungen der Klasse in der Enquete einsetzt,   überreicht sie Frau Schellhammer abschließend  „Die Schatzkiste der Demokratie.“

Frau Schellhammer bedankt sich für die herzliche Aufnahme sowie die spannende  Diskussion, in die sich alle! 18 Schülerinnen und Schüler engagiert eingebracht haben. Sie ermutigt, miteinander im Gespräch zu bleiben und sich aktiv in die Debatte einzumischen: Schreibt Kommentare, twittert, postet, nutzt den Livestream, besucht uns im Landtag.     

Nachhall online:
Am 13.02.2012 um 20: 30 Uhr twittert Pia Schellhammer:  Super spannende Diskussion an der BBS Bingen – nehme die Schatzkiste der Demokratie in die Enquete mit.

Nachhall offline:
O- Töne aus der Nachbesprechung im Klassenraum: „„Es ist gut, dass Politiker in unsere Schule kommen und sich mit uns unterhalten“. „Wir wollen auch mit den Politikern anderer Parteien reden.“ „Sie ist überhaupt nicht arrogant und  hat keine Floskeln von sich gegeben.“ „Sie hat nicht nur für DIE GRÜNEN gesprochen, sondern vor allem für den Ausschuss.“ „Sie ist eine von uns.“

Vorschau:
  Schon am 23. März 2012 setzt sich eine weitere Klasse der BBS Bingen mit der
  Arbeit der Enquete auseinander. Die Höhere Berufsfachschule für Organisation und 
  Officemanagement HBFO10c nimmt im Landtag an der Anhörung zum Thema  
  „Beteiligungshemmnisse und –gerechtigkeit“ teil.

Text und Fotos: Eberhard Wolf, Elisabeth Henn

 

Es folgen sechs Bilder von dem Treffen.

Die Begrüßung

 

Die Schüler der Klasse DBOS11 übergeben Frau Schellhammer die Schatzkiste.

 

Frau Pia Schellhammer, Vorsitzende der Enquete-Komission

"Aktive Bürgerbeteiligung für eine starke Demokratie"

Eine Schülerin der Klasse DBOS11

Die Schüler stellen gemeinsam Überlegungen an.


Die Schüler sind konzentriert bei der Sache.

 

 

 

 

 

 



17.02.2012