Berufsbildende Schule Bingen



Von Bingen in die Volksrepublik

Schüler der Berufsbildenden Schule arbeiten acht Wochen bei chinesischem Konsumgüter-Hersteller

09.06.2010 - BINGEN

Von Christine Tscherner (Allgemeine Zeitung)


Noch wirken Bernd, Dominic, Damian und Andreas ziemlich cool. Aufregung stellt sich wahrscheinlich erst im Flugzeug ein. Am Freitag starten die vier Berufsschüler zu ihrem Praktikum - in China. Die neue Schulpartnerschaft zur High New Vocational School in Qingdao, engagierte Lehrer und unterstützende Eltern machen‘s möglich.

Erste Kontakte vor einem Jahr

Bernd Försterling, 17, aus Siefersheim besucht die Höhere Berufsfachschule in Bingen. In gut einem Jahr will er sein Fachabi in der Tasche haben. Ein achtwöchiges Betriebspraktikum ist Pflicht. Warum nicht im Ausland? Seit dem vergangenen Jahr knüpft die BBS Kontakte nach China. Vier chinesische Schüler drückten für ein halbes Jahr in Bingen die Schulbank. „Ich fand das Austausch-Angebot sofort spannend“, sagt Bernd. Auch die Klassenkameraden Dominic Hoffmann, Damian Polec und Andreas Precht schlugen ein. Die Flüge haben sie gebucht, Visa, Pass und Gastgeschenke sind organisiert. Auf der Packliste stehen Laptop mit Stromadapter und Essbesteck weit oben.

Von den chinesischen Gastschülern haben die vier jungen Männer ein paar Brocken Chinesisch gelernt. Mandarin? „Wenn du eh kein Wort verstehst, dann ist auch egal, in welcher Sprache“, gibt sich Dominic entspannt. Den Rahmen der Reise immerhin konnten BBS-Lehrer mit den englischsprachigen Partnern in Qingdao abstecken. Dominic, Damian, Andreas und Bernd werden bei einem großen chinesischen Konsumgüter-Hersteller arbeiten. Das 60 000-Mitarbeiter-Unternehmen ist laut Homepage chinesischer Marktführer für Klimaanlagen. „Mutinational“ steht in der Selbstdarstellung - das lässt auf Englisch hoffen.

Statt im üblichen Zehnbett-Zimmer auf dem Schulcampus werden die vier Deutschen in zwei Doppelzimmern schlafen. Luxus. Schulleiter Johannes Olliges war eine englischsprachige Lehrkraft und Telefonkontakt für den Notfall wichtig. „Wir haben außerdem Blogs und Mails verabredet“, sagt Klassenlehrer Ansgar Schiffler.

Ein achtwöchiges Berufspraktikum ist für Schüler der Berufsfachschule Pflicht. Wenige absolvieren diese Zeit im Ausland, China ist noch sehr exotisch. Schüler und Schule gleichermaßen sehen die Risikobereitschaft als Chance. „Wir sind in Rheinland-Pfalz die einzige Berufsschule mit einem China-Austausch“, unterstreicht Schulleiter Johannes Olliges. Gut sei der Austausch fürs Schulprofil, gut für den Lebenslauf der Schüler, gut für das Renommee der chinesischen Partner.

Sprachtest als Voraussetzung

Bereits im Herbst soll die nächste Schülergruppe aus Qingdao eintreffen. „Diesmal werden wir einen Sprachtest voraussetzen“, sagt Olliges. Außerdem werde ein verpflichtender und kostenpflichtiger Deutschkurs in Bingen angesetzt. Denn eine Unterhaltung mit den Austauschschülern ist auch nach sechs Monaten kaum möglich.

Dennoch trauen sich Li, Wang, Zhao und Yu zum Abschluss ihrer Zeit in Bingen eine zweiwöchige Tour durch Deutschland zu. Hamburg, Berlin, München. „Qingdao hat acht Millionen Einwohner; sie vermissen die Großstadt“, glaubt Berufsschullehrer Karlheinz Günther. Die BBS denkt in Zukunft über die Unterbringung der Gastschüler in Familien statt zusammen in einer Wohngemeinschaft nach. „Wir lernen dazu“, so Olliges.

Im Herbst sollen neue chinesische Gastschüler aufgenommen werden. Bereits für den 23. Juni hat sich eine China-Delegation an der BBS angekündigt. „Wir sind anscheinend Modellschule mit unserer China-Partnerschaft“, ist der Schulleiter stolz.



11.06.2010