Berufsbildende Schule Bingen



„Türken-Sam“ steht Rede und Antwort

Cem Gülay liest aus seinem Buch und zeigt Wurzeln des Konflikts zwischen deutscher und türkischer Gesellschaft auf

(cts). Er war ein Vorzeige-Türke: Perfektes Norddeutsch auf den Lippen, Abitur in der Tasche, deutsche Freunde. Cem Gülay entschied sich trotzdem für eine Gangster-Karriere. Als Buchautor stellt der geläuterte 41-Jährige an Schulen Fragen zu Integration und Migration. Nun las der Hamburger vor 60 Binger Berufsschülern.

„Wer von euch ist von einem Ausländer schon einmal dumm angemacht worden?“ Einige der 60 Schüler in der Aula recken den Finger. Nur eine Handvoll versteht sich selbst als Ausländer. „Etwas in mir ist russisch, aber deswegen bin ich kein Ausländer“, versucht ein Schüler eine Erklärung. „Ich jobbe in einer Spielothek“, berichtet ein anderer. „Viele Türken reagieren dort so wahnsinnig schnell aggressiv. Das nervt.“ Und wer hat türkische Freunde? Wer ist zu Geburtstagsfesten bei Deutsch-Türken eingeladen? Fast die Hälfte meldet sich. Und Jugendliche erzählen von der positiven Erfahrung starken Zusammenhalts in türkischen Familien.

Nicht alle Ausländer über einen Kamm scheren

Cem Gülay schaut zufrieden. Genau das ist sein Ziel: Nicht alle Ausländer, nicht alle Türken, über einen Kamm scheren. Und er will die Wurzeln für den Konflikt zwischen deutscher und türkischer Gesellschaft aufzeigen.

Gülay wuchs als Sohn türkischer Eltern in Hamburg auf. Er besuchte das Gymnasium, war Schulsprecher. Nach dem Abitur entschied er sich für ein kleinkriminelles Milieu im Migrantenumfeld. Erst 2001 gelang der Ausstieg. Seither engagiert er sich für die Integration Jugendlicher. 2009 erschien Gülays autobiografisches Buch „Türken-Sam“. Gülays Biografie war Thema in Talkrunden. „Gerade erleben wir nämlich einen Rückschritt.“ Nicht bei den türkischen Mädchen. Sie gelten als Integrationsgewinner. „Meine Cousinen durften früher gar nichts; heute macht eine als Ministerin für Integration Karriere.“ Und die Jungs? Hier unterscheidet Cem Gülay sehr genau: Die Kinder der „Generation Kanak Attack“ und die der „Generation Chance“.

„Ich wollte dazugehören, irgendwo dazugehören“

Anschaulich schildert der Autor seinen eigenen Weg. „Ich habe die Parallelwelt statt Jura-Studium gewählt, da gab es klare Rollenvorbilder.“ Eine Entscheidung ohne Schuldzuweisung an die deutsche Politik oder an die Eltern. „Ich wollte dazugehören, irgendwo dazu.“ Und sei es zu einer zweifelhaften Hamburger Elite aus Gangstern. Der Autor warnt: Gewalt könne vor allem in den Großstädten eskalieren. Er sucht deshalb die Diskussion an Schulen. Nach Lesungen am Oppenheimer St. Katharinengymnasium und im Ingelheimer Kreistag reiste Cem Gülay nach Bingen.

 

Die Kooperation mit dem Migrationsbeirat des Kreises und der Stadt Bingen hat die Treffen ermöglicht. Das Buch „Türken Sam“ bot reichlich Vorlagen zur Diskussion. Es greift die Lebenswirklichkeit junger männlicher Migranten in Deutschland auf. Durch die Sarrazin-Debatte erhielt Gülays Thema neuen Zündstoff. Deutschlehrerin Elisabeth Henn ist zufrieden mit dem Autorenbesuch an der BBS. „Um die Schüler zum Lesen zu bewegen, brauchen wir Themen, die sie interessieren.“ „Türken-Sam“ scheint die richtige Ansprache zu finden.

Dieser Artikel ist am 15. Juni 2011 im Lokalteil Bingen der Allgemeinen Zeitung erschienen.

 

Bilder von der Veransttaltung:

 Unser Schulleiter, Herr Olliges, begrüßt Cem Gülay

 

 

Die Zuhörer

 

 

 Cem Gülay

 

 

 

 



18.06.2011